Im Jahr 2008 rückt die Polizei zu einem Tatort in einer Jugendwohngruppe für verhaltensauffällige Teenager aus. Dort gibt die jugendliche Marie Adler (Kaitlyn Dever) an, von einem unbekannten Mann mit einer Maske unter Androhung von tödlicher Gewalt vergewaltigt worden zu sein. Trotz ihres offensichtlichen Schocks kann Marie konkret über den Tathergang berichten. Kurz darauf fallen dem leitenden Ermittler Parker (Eric Lange) jedoch Ungereimtheiten in Maries Berichterstattung auf und er vermutet, dass die junge Frau sich die Geschichte nur ausgedacht haben könnte. Zeitgleich ermitteln die beiden Detectives Karen Duvall (Merritt Weaver) und Grace Rasmussen (Toni Collette) unabhängig voneinander und in unterschiedlichen Departements in jeweils einem Fall, in welchem ein Mann eine Frau überfallen und anschließend über Stunden vergewaltigt hat. Dass sich die Spuren beider Fälle ähneln, ahnen sie noch nicht...
Ich habe das hier schon sehr oft erwähnt, aber wenn Netflix in einem Bereich richtig gut und ist und sich dabei kaum Fehler erlaubt, ist es das True-Crime-Genre, meistens präsentiert im Bereich der Mini-Serien. Ich habe längst noch nicht alles gesehen, was Netflix in diesem Bereich so auf den Bildschirm gezaubert hat (denn das ist wirklich eine ganze Menge), doch alles bisher Gesichtete war mindestens sehr gut. Da macht auch die 2019 veröffentlichte, aus acht Folgen bestehende Mini-Serie "Unbelievable" keine Ausnahme, die praktisch von Anfang bis Ende mit einem ebenso schockierenden wie spannenden Fall zu fesseln weiß. Für vier Golden Globes war die Show im Jahr 2020 nominiert und dass es dabei keinen Sieg gab, ist mehr als schade - verdient hätte sie dabei jede Auszeichnung. Dabei ist es aber sogar weniger der Fall selbst, der hier am meisten in Erinnerung bleibt, sondern eher wie die einzelnen Figuren in diesem positioniert werden und damit umgehen. Die Serie stellt ebenso unbequeme wie wichtige Fragen in Bezug auf die Ermittlungsarbeit, vor allem die der männlichen Detectives in einem Vergewaltigungs-Fall. Er fasst heiße Eisen wie mögliche Falschaussagen, dem Nichtglauben weiblicher Opfer und dem schieren Einschlafen des Verwaltungsapparates im Falle sexueller Nötigungen an... und die Antworten, die die Serie durch die aufwühlenden, realen Begebenheiten parat hat, sind ebenso unbequem wie wichtig. Das macht "Unbelievable" letztendlich nicht nur zu einer mordsspannenden, sondern auch zu einer ungemein wichtigen Serie, die jeder gesehen haben sollte.
Obwohl es (weil dies in der Realität nun mal selten so ist) keine erdrutschartigen Wendungen gibt, verpacken die Macher die Handlung so intensiv, dass es immer wieder Überraschungen zu sehen gibt. Zweifel werden gesät, Fährten laufen ins Leere, Figuren wandeln sich. Nichts davon wirkt effekthascherisch, sondern in vielerlei Hinsicht sogar mal enttäuschend, wenn sich eine lange verfolgte Spur letztendlich als Niete herausstellt. Dabei spürt man förmlich die Frustration der beiden Ermittlerinnen, die dennoch nicht die Flinte ins Korn werfen und akribisch jedem noch so kleinen und unwichtig erscheinenden Hinweis nachgehen. Gerade diese Ermittlungsarbeit nimmt mit fortschreitender Laufzeit der Serie immer mehr Raum ein - das ist hochspannend, aber in einem Punkt auch ein bisschen schade, da die anfänglich als Hauptfigur eingeführte Marie Adler mit der Zeit ein wenig in den Hintergrund zu rücken droht. Wie sich die verschiedenen Handlungen später berühren werden, kann man zwar recht früh absehen, doch der Weg dahin ist dennoch unglaublich spannend... und da Maries Storyline die emotionalste, intensivste und aufwühlendste ist, ist es zwar nur richtig, aber trotzdem auch etwas frustrierend, wenn die Geschichte später mehr von ihr ablässt.
Das gibt die reale Begebenheit jedoch so vor und es macht "Unbelievable" keinesfalls schlechter, sondern eher noch mitreißender. Die üblichen Anpassungen der wahren Vorlage finden sich zwar auch hier, doch sind sie kaum zu bemerken, da die Macher atmosphärisch sehr dicht an dem bleiben, was zumindest ich als realistisch und glaubwürdig empfunden habe. Glaubwürdig sind dabei auch mal wieder die Leistungen sämtlicher Darsteller*innen - wie gehabt besetzt Netflix seine Mini-Serien bis in die kleinsten Nebenrollen mit absoluten Könnern, wobei echte Talente wichtiger sind als die ganz großen Namen. Diese gibt es hier aber natürlich auch und die größte Überraschung ist dabei Merritt Weaver. Diese kannte ich bislang vorrangig durch ihren Auftritt in der Zombie-Serie "The Walking Dead" und wie sie hier als knallharte, von ihrem Fall schier eingenommene Ermittlerin auftritt, ist einfach unglaublich. Die anderen beiden herausragenden Leistungen der Show sind mindestens ebenso gut, aber in diesem Fall keine Überraschung. Denn eigentlich wäre es müßig zu erwähnen, dass "Apple Cider Vinegar"-Star Kaitlyn Dever auch hier mal wieder eine Performance aufs Parkett legt, die tief ins Herz trifft und das Mark erschüttert - anders kennt man es von ihr nicht. Und dass Oscarpreisträgerin Toni Collette irgendwann mal daneben greift, werden wir wohl auch nicht mehr erleben: So glänzt sie auch hier als wachsamer und bisweilen ziemlich hemdsärmeliger, weiblicher Detective innerhalb einer Männer-Domäne.
Fazit: Wendungsreich, sensibel erzählt, unbequem und spannend bis zum Schluss. Netflix nähert sich düsteren Themen mit viel Fingerspitzengefühl, ohne diese zugleich zu verharmlosen, gibt weiblichen Opfern eine Stimme und bringt zudem mal wieder eine Besetzung auf, die man kaum hoch genug loben kann.
Note: 2+
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