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Amrum

Im Jahr 1945 lebt der zwölfjährige Nanning Hagener (Jasper Billerbeck) auf der Insel Amrum. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges und kurz vor der Kapitulation Deutschlands arbeitet Nanning auf dem Kartoffelacker der Bäuerin Tessa Bendixen (Diane Kruger) und unterstützt seine hochschwangere Mutter Hille (Laura Tonke). Diese ist trotz der offensichtlichen Unterlegenheit Deutschlands im Krieg noch immer voll und ganz von einem Sieg überzeugt und glaubt weiterhin fest an Adolf Hitler. Als jedoch am 30. April 1945 die Nachricht über Hitlers Tod im Radio übertragen wird, bricht für Hille eine Welt zusammen. Nanning versucht daraufhin, für seine Mutter ein höchst seltenes Weißbrot aufzutreiben, obwohl es auf der ganzen Insel kaum noch Weizen gibt. Anderenfalls, so glaubt er, wird seine Mutter die Nahrungsaufnahme verweigern und voll und ganz ihren Lebenswillen verlieren...

Vor einigen Wochen beging der deutsche Kriegsfilm Der Tiger den Fehler, einen Film aus Sicht von deutschen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs zu erzählen und diese somit zu Protagonisten, sogar zu einer Art Helden ihrer eigenen Geschichte zu machen - nicht verherrlichend, aber dennoch zu selten reflektierend, um den sehr faden Beigeschmack dieses Ansatzes auszulöschen. Auch Amrum wird aus der Sicht von Deutschen erzählt, aber diesmal nicht von Soldaten, sondern weitestgehend aus dem Blickwinkel eines unschuldigen Kindes. Der junge Nanning weiß natürlich vom Krieg, er weiß von Hitler und auch davon, dass es für Deutschland gerade nicht gut aussieht. Über etwaige Verstrickungen wie den Faschismus und was in dieser Zeit nun Recht und Unrecht ist, ist er aber wenig aufgeklärt... auch weil die Lehren in der Schule und der Menschen um ihn herum ein bisweilen einseitiges Bild zeichnen. Dabei gelingt Fatih Akin, ohnehin einer der besten Regisseure unseres Landes, ein spannendes und packendes Bild, welches wir so hinsichtlich des Kriegsendes auch noch nicht gesehen haben.
Besonders gefällt dabei die Stimmung, die selbst auf einer solch abgelegenen Insel wie Amrum vorherrschend ist, als sich der Krieg mehr als offensichtlich dem Ende neigt. Anders als in Filmen wie Der Untergang, die mitten in Berlin spielten, scheint das Leben hier fast noch normal weiterzugehen. Es ziehen keine Armeen durchs Land, man sieht sogar nur einmal einen Nazi in kompletter Montur. Trotzdem befinden sich hier Menschen, die entweder mit ganzem Herzen noch an das Regime glauben... und jene, die ihren Glauben längst aufgegeben haben oder ihn nie hatten und nun langsam wagen, sich gegen Hitler und die Nazis auszusprechen, wo eine Niederlage von ihnen nun so wahrscheinlich ist. Das ist eine ziemlich spannende Ansammlung von Figuren, die allesamt von hervorragenden Schauspieler*innen gespielt werden. Es gibt keine riesigen, aufgebauschten Konflikte, sondern stetige Momentaufnahmen, die in leisen, oft nur sehr sporadischen Dialogen trotzdem wahnsinnig viel über die einzelnen Menschen aussagen.
Und genau an dieser Stelle tappt Akin's Film nicht in die Falle, sich plötzlich zu einer Verbeugung vor den Deutschen niederzulassen, wie es zuvor Der Tiger getan hat und was dabei mehr als fatal war. Ohne Wertung, aber mit einer klaren Message zeichnet der Film ein Bild von einer Kindheit, die niemals wirklich eine sein durfte. Ein Kind im Schatten seiner Mutter, die stets für das Nazi-Regime brannte und nun vor einem Scherbenhaufen steht, den das Kind selbst gar nicht richtig fassen kann. Da spielt es dann praktisch keine Rolle, dass die Mutter ein böser Mensch ist - für den Sohn ist sie das schon alleine deswegen nicht, weil sie seine Mutter ist. Hier schwingt zwischen den Zeilen sehr viel bewegende Erzählung mit, die aber niemals verharmlost wird und gleichzeitig auch ohne einen moralischen Zeigefinger auskommt. Und diese Mischung ist schon eine Leistung, die man trotz der manchmal etwas schleppenden Erzählweise und manch eines dramaturgischen Kalküls durchaus anerkennen muss. Zudem ist der Film (wie von Akin gewohnt) außergewöhnlich schön fotografiert und atmosphärisch dicht inszeniert.

Fazit: Mit einem spannenden Blick auf die kleinen Dinge innerhalb einer großen, weltverändernden Historie trifft Fatih Akins neuester Film oft den richtigen Ton, auch wenn er sich hier und da verhebt. Sehr gut gespielt, wunderbar gefilmt und fordernd, ohne aber zu sehr mit der Moralkeule zu schwingen und den schwierigen Grat, auf dem er dramaturgisch wandelt, zu versimpeln.

Note: 3+



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