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Cassandra

Die Künstlerin Samira Prill (Mina Tander) zieht mit ihrem Mann David (Michael Klammer), einem berühmten Krimi-Autoren, sowie den gemeinsamen Kindern Fynn (Joshua Kantara) und Juno (Mary Tölle) nach einem traumatischen Familienvorfall in eine neue Stadt und ein neues Haus. Dieses ist mit einem allumfassenden Smart-Home ausgestattet, durch welches die Künstliche Intelligenz Cassandra (Lavinia Wilson) alle Räumlichkeiten überwachen, im Haushalt helfen und die Wünsche der Bewohner erfüllen kann. Schon früh beginnt Cassandra jedoch entgegen ihren Befehlen, die Mutter gegen ihre restliche Familie auszuspielen. Samira äußerst zwar redliche Skepsis entgegen der KI, stößt mit ihren Wünschen beim Rest der Familie jedoch auf taube Ohren. Als die Mutter der Vergangenheit Cassandras auf die Spur zu kommen beginnt, eskaliert die Situation langsam...

Zuvorderst muss an dieser Stelle ein generelles Lob dafür ausgesprochen werden, dass in Deutschland Produzenten und Geldgeber den Mut hatten, diese Serie zu machen. Es handelt sich hier um einen der wenigen und dementsprechend automatisch schon gewagten Beiträge der deutschen Filmlandschaft, der sich in das Genre eines Sci-Fi-Thrillers vorwagt. Ihr habt richtig gehört: Kein historisches Drama, keine zotige Romantic Comedy. Nein, das hier ist Sci-Fi made in Germany, was man so vielleicht seit dem überragenden "Dark" (ebenfalls von Netflix) nicht mehr bekommen hat. Nun ist das Thema ja überall auf der Welt momentan ziemlich hot und Deutschland ist mit der Verwurstung der potenziellen Gefahr durch freidrehende KI's eigentlich schon wieder zu spät dran. Eine genauere Auseinandersetzung mit ethischen Grundsatzfragen zu dieser Technologie ignoriert die Serie dann ebenso wie eine Erzählung, wie das ganze Ding technisch überhaupt genau zu stande gekommen ist. Stattdessen konzentriert sich man ganz auf den Thriller-Plot, wobei die sechs Folgen nicht nur die Geschichte der Familie Prill in der Gegenwart erzählt, sondern in ausladenden Rückblenden zudem schildert, wie diese Cassandra eigentlich zu der "Person" geworden ist, die wir nun sehen.
In den Geschichten, die dabei in den 60ern und 70ern spielen, ist "Cassandra" deutlich überzeugender, da hier das clever inszenierte Fragespielchen rund um das "Wie" und das "Wieso" ziemlich rund aufgeschlüsselt wird, auch wenn es hier und da an der inneren Logik krankt. Der Gegenwartsplot hat aber noch viel größere Probleme mit der Glaubwürdigkeit, wenn zugunsten der fortschreitenden Handlung bisweilen älteste Horror-Klischees ausgegraben und hier nicht nur für eine Stunde, sondern in Serienform gestreckt auf mehrere Folgen dargeboten werden müssen. Und wenn die heile Familie beim x-ten Vorfall lieber einem ziemlich gruselig dreinschauenden Roboter, den sie erst vor wenigen Tagen kennengelernt haben, Glauben schenken statt der völlig verzweifelten Ehefrau und Mutter, wirft das immense Fragen auf und führt auch noch zu deutlichen Problemen in der Charakterzeichnung. Die ohnehin eher schal gezeichneten Figuren wirken deswegen nämlich nicht nur immer unsympathischer, da sie sich gegen ihr Familienmitglied so unverständlich egozentrisch verhalten, sondern auch ein wenig dümmlich. Solcherlei alte Kamellen haben in einer groß produzierten, sich mehr Zeit für die Figuren nehmenden Serie eigentlich nichts mehr verloren, "Cassandra" tritt sie trotzdem breit. In der letzten Folge überwiegen zudem so eklatante Plotholes, bis zum völlig überstürzten Ende, dass spürbar ist, dass an der Dramaturgie der Drehbücher noch mehr als einmal hätte gefeilt werden müssen.
Dabei stimmen die Ansätze aber durchweg, sodass es nebenbei einige spannende Seitenhandlungen gibt und immer wieder packende Konflikte vom Baum gebrochen werden. Sie werden nur leider nicht sinnig auserzählt, bis hin zu einem ziemlich enttäuschenden Showdown. Nichts zu rütteln gibt es jedoch an der Inszenierung, die über die retro-futuristische Kulisse bis hin zur Optik der bisweilen ziemlich schaurig agierenden Titelfigur durchweg originell daherkommt. Mit packender Kameraarbeit, einem starken Soundtrack und einem flüssigen Regiestil gelingen dementsprechend auch dann noch spannende und sogar gruselige Momente, wenn die Drehbücher gerade nicht wirklich starkes Material liefern. Und auch das Casting ist exzellent, was insbesondere für Lavinia Wilson gilt, die hier im Grunde genommen gleich zwei Charaktere verkörpert. Gerade in der Vergangenheitshandlung darf sie als echte, menschliche Cassandra dann auch richtig auftrumpfen, während sie als clevere Maschine vor allem durch ihre verdrehte Mimik überzeugt. Bärenstark auch Mina Tander als verzweifelte Ehefrau und Mutter, die gegen alle Hindernisse anzukämpfen versucht. Die restlichen Figuren sind ebenfalls sehr passend besetzt, leiden aber bisweilen unter den sehr seichten Geschichten, die die Drehbücher ihnen mitgeben. So kommt gerade die Teenie-Romanze rund um Sohn Fynn ziemlich schal daher und auch ein Nebenplot rund um Tochter Juno wirkt eher halbgar hinzugefügt.

Fazit: "Cassandra" ist inszenatorisch und darstellerisch gelungen und legt mit seiner Verbindung aus Fragen in der Gegenwart und Antworten in der Vergangenheit ein spannendes Mysterium an den Tag. Leider entwickelt sich die Geschichte fortwährend über unpassende und unfreiwillig komische Klischees weiter, worunter nicht nur die extrem wacklige Dramaturgie und die Glaubwürdigkeit, sondern auch die Charakterzeichnung leidet.

Note: 3-



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