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Die Gefahr der Höflichkeit: Filmkritik zu "Speak No Evil (2022)"

Während eines Urlaubs in der Toskana macht das dänische Ehepaar Bjorn (Morten Burian) und Louise (Sidsel Siem Koch) die Bekanntschaft mit dem holländischen Pärchen Patrick (Fedja van Huet) und Karin (Karina Smulders). Überrascht erhalten Bjorn und Louise einige Wochen nach der Rückkehr in ihre Heimat eine Postkarte von Patrick und Karin, auf welcher sie das Paar für ein Wochenende in ihr Haus in Holland einlädt. Nach anfänglichen Bedenken, da sich die Paare eigentlich noch recht fremd sind, sagen Bjorn und Louise zu und begeben sich gemeinsam mit ihrer Tochter Agnes (Liva Forsberg) in die Niederlande. Zu Beginn scheint das Wochenende auch angenehm zu starten, doch mit der Zeit legen Karin und vor allem Patrick äußerst unangenehme Verhaltensweisen an den Tag...

Um den dänischen Psycho-Thriller "Speak No Evil" entwickelte sich recht schnell ein ziemlich großer Hype, der letztlich so groß war, dass kaum zwei Jahre später bereits eine amerikanische Neuverfilmung der Geschichte in den Kinos startete - diesmal besetzt mit James McAvoy in einer der Hauptrollen. Nun sind die Benötigungen solcher Remakes mehr als umstritten und auch ohne die Neuverfilmung (bisher) gesehen zu haben, stellt sich die Frage, was eine solche dem Original hinzufügen soll... mit der Ausnahme natürlich, dass man diese dann in Englisch drehen kann und somit dem US-Publikum die dort ziemlich verhassten Untertitel erspart. Das Original macht seine Sache insofern gut, dass es eine ziemlich unangenehme Atmosphäre aufbaut, die sich im Finale so spektakulär entlädt, dass man ziemlich verstört vor dem Bildschirm sitzen bleibt, sobald der Abspann zu laufen beginnt. Leider entstehen jedoch schon während der Sichtung, vor allem aber auch nach dem schockierenden Ende einige Fragezeichen, die spürbar machen, dass der Plot in dieser Form nicht allzu gut durchdacht ist.
Ich bleibe hier natürlich so vage wie möglich, um jegliche Spoiler zu vermeiden, muss aber zumindest ein paar klitzekleine Andeutungen machen, um meine Bedenken hinsichtlich des Plots zu untermauern. So stellt sich schon recht früh die Frage, warum das Ehepaar Bjorn und Louise nicht schon viel früher die Reißleine zieht und wirklich, ohne Wenn und Aber, den Heimweg antritt. Kann dies zu Beginn noch mit der deutlichen Höflichkeit des Paares erklärt werden, ist das Fass später aber viel zu voll - niemand würde sich wohl einem solch psychischen Martyrium freiwillig aussetzen. Zudem wirft das Drehbuch die Psychologien seiner Hauptfiguren recht uncharmant durcheinander - besonders Louise scheint sich immer genauso zu verhalten, wie es das Skript gerade für den Spannungsaufbau braucht und handelt deswegen gleich mehrfach völlig out of character. Das seltsame Verhalten des holländischen Ehepaares hinterlässt auch viele Fragen. Natürlich sind die unangenehmen Momente, die von diesem quasi provoziert werden, zuvorderst für den Spannungsaufbau gut, der deutliche Konflikte zwischen den einzelnen Personen schüren soll. Mit den Wendungen des Showdowns im Kopf stellt sich jedoch die Frage, ob dieses Verhalten, welches Menschen eher von sich wegtreibt als sie bei sich zu behalten, wirklich dienlich ist für die Ziele, die sie erreichen wollen. Das ist nun sehr kryptisch geschrieben, doch wer den Film gesehen hat, wird vermutlich verstehen, was ich meine.
Der Verdacht drängt sich auf, dass die Macher einige höchst unangenehme Momente, zumeist psychologischer Natur, im Kopf hatten und diese in ihren Film einbauen wollten. Definitiv verfehlen diese Szenen auch ihre Wirkung nicht und mehr als einmal hatte ich bei deren Betrachtung einen dicken Kloß im Hals. Im Gesamtkontext der Handlung wirken sie aber weniger durchdacht, oftmals (wie auch das Finale) arg effekthascherisch und überzeichnet. Keinen Vorwurf kann man hingegen dem Cast machen, denn der macht seine Sache durch die Bank weg absolut ausgezeichnet. Der Soundtrack wirkt hingegen bisweilen etwas überstrapaziert, wenn er im Kontrast zu bunten Bildern der Familienfreude bedrohlich tost - das ist etwas zu viel Foreshadowing und wirkt nicht gerade gekonnt. Ich bin nun durchaus neugierig, was das US-Remake hier nun abändern oder neu interpretieren wird - es gibt nämlich einiges, was man in Sachen Plot verdichten und verbessern könnte, um die innere Logik des ganzen Treibens nicht zu sehr zu demontieren. Demnächst werde ich mich davon sicherlich selbst überzeugen, bis dahin bleibe ich aber skeptisch... denn die Anzahl der US-Remakes, die besser waren als das Original, lassen sich ja nun mal leider an einer Hand abzählen.

Fazit: "Speak No Evil" überrascht mit einer intensiven Atmosphäre, allerdings entstehen spätestens beim grotesken Finale etliche Fragezeichen. Der Plot wirkt nicht wirklich durchdacht, die Psychologie der einzelnen Figuren oft willkürlich. Letztlich bleibt man reichlich verstört zurück und hat die langsame und bedrohliche Spannungskurve genossen... man ist aber auch ein wenig enttäuscht, dass gerade ein Psychogramm wie dieses seine Charaktere so unentschlossen schreibt.

Note: 3-



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