Direkt zum Hauptbereich

Es - Welcome to Derry - Die erste Staffel

Sommer 1962: Derry gilt gemeinhin als friedliche Kleinstadt, in der nur wenig Aufsehenerregendes passiert und die meisten Bürger und Bürgerinnen respektvoll nebeneinander leben. Doch nun ist wieder etwas erwacht, was zuvor siebenundzwanzig Jahre geschlafen hat und das merkwürdige Verschwinden mehrerer Personen, vor allem Kinder, beginnt. Bei dem Versuch, das Verschwinden ihres Schulkameraden Matty Clements (Miles Ekhardt) aufzuklären, geraten die beiden Freunde Teddy (Mikkal Karim-Fidler) und Phil (Jack Molloy Legault) in die Fänge eines übernatürlichen Wesens. Auch die als Außenseiterin geltende Schülerin Lilly (Clara Stack) sieht plötzlich merkwürdige Dinge und ist sich sicher, dass Matty nicht einfach davongelaufen ist, sondern etwas ganz anderes ihn geholt hat... etwas, was nun auch seine Finger nach ihr und ihren Freunden ausstreckt.

Vor einigen Tagen ist mit HBO Max der nächste, ganz große Player unter den Streamingdiensten auch endlich in Deutschland angekommen. Endlich losgelöst von Sky und Wow können Film- und Serienfans nun die gigantischen HBO-Shows wie Game of Thrones oder Die Sopranos an einem Ort genießen. Und obwohl insbesondere der Filmkatalog zumindest zum Start noch sehr übersichtlich ausfällt und teilweise desaströse Lücken innerhalb des Warner-Schaffens offenbart, so gab es für mich doch gleich mehrere Gründe, diesen Streamingdienst sofort in mein Portfolio aufzunehmen. Der offensichtlichste: Die langerwartete Prequel-Serie zu den beiden Es-Filmen, die neben Regisseur Andy Muschietti auch den Titelstar Bill Skarsgard zurückbrachten und somit ein echtes Fest für die Fans der beiden Filme versprachen. Und dieses Fest wird auch ordentlich gefeiert: Es gibt einen ganzen Haufen an Referenzen zu den Filmen und der Buchvorlage, sodass Fans hier im Grunde alle paar Minuten einen neuen Aha-Moment erleben. Oftmals handelt es sich dabei um (verzichtbares und bisweilen angestrengtes) Name-Dropping, doch angesichts der rund geklärten Fragezeichen und allerlei gelüfteter Geheimnisse gibt es auch viele Momente, die ungemein befriedigend daherkommen und sich dem reinen Fanservice entziehen.
Bei dem Versuch, aber natürlich auch noch eine eigene Geschichte zu erzählen, die weder wie eine schale Prequel-Kopie des ersten Films daherkommen noch zu dünn sein darf, da ja immerhin acht Episoden gefüllt werden wollen, verhebt man sich indes einige Male. Nach einer starken ersten Folge, die zudem gleich klarmacht, dass im weiteren Verlauf mit zahlreichen Schockern und eiskalten Überraschungen gerechnet werden muss, braucht Welcome to Derry eine gewisse Zeit, um all seine Figuren und Plots auf dem Schachbrett von Derry aufzustellen und überhaupt klarzumachen, wohin man mit dieser Serie denn nun will. Sehr viele Charaktere teilen sich hier Screentime, wobei die Serie nicht nur zwischen den (anfangs nur lose zusammenhängenden) Plots, sondern auch zwischen verschiedenen Zeitebenen herumspringt. Das mag nützlich sein, um weitere Elemente hinsichtlich der in den Filmen ja nur oberflächlich behandelten Mythologie des titelgebenden Horror-Wesens einzubringen, doch in seiner sprunghaften Dramaturgie, die oftmals sogar recht stumpf daherkommt, verliert die Serie mehrfach den Faden. Rechtzeitig fängt sie sich jedoch wieder, um die Geschichte mit einigen faustdicken Überraschungen wieder auf Kurs zu bringen, gleich mehrfach den Spannungsfaktor zu erhöhen und schließlich mit einem brillanten Staffelfinale aufzuwarten, welches einem gleich mehrfach den Boden unter den Füßen wegzieht. Hier beweist Welcome to Derry, dass es mitnichten nur eine einfache Prequel-Serie ist, sondern fortan gleichwertig zu den großen Kinoerfolgen gezählt werden muss... und wie das veranstaltet wird, dürfte Fans einhellig jubeln lassen.
Wie von HBO zudem stets gewohnt, ist Welcome to Derry eine äußerst gut inszenierte Serie. Rein technisch und optisch muss man sich keinesfalls hinter den großen Kinofilmen verstecken, die CGI-Effekte sind mindestens ebenbürtig, die Regie gekonnt, die Bilder wuchtig. Nur eine einzige Szene in der dritten Folge fällt dabei erstaunlicherweise völlig raus, denn diese ist in ihrer offensichtlichen, miesen Greenscreen-Veranstaltung so hässlich (und die gesamte Szene drumherum auch so banal), dass man sich in die Zeiten der alten Gänsehaut-Filmchen im Vormittags-Programm zurückversetzt fühlt. Aber das ist nur ein marginaler Ausrutscher in einer Serie, die ansonsten technisch wirklich lecker ist. Die im Fokus stehende Kinder-Crew gibt sich dabei offensichtlich viel Mühe und wird im weiteren Verlauf der Serie auch immer besser, ohne aber an den grandiosen Charme der Original-Gruppe aus dem ersten Kinofilm von Andy Muschietti heranzukommen - da war die Clique rund um Sophia Lillis und Stranger Things-Star Finn Wolfhard einfach noch deutlich besser gecastet. Die Show stiehlt aber ohnehin wieder Bill Skarsgard, dessen Auftritt angenehm lange hinausgezögert wird, bevor man ihm dann doch genügend Zeit gibt, um richtig fiesen Terror zu verbreiten. Ähnlich wie in den Filmen sind dann auch die Szenen, in denen Skarsgard in reiner Clowns-Montur auftreten darf, deutlich gruseliger und intensiver als das ganz große CGI-Chaos, welchem hier gerade in der ersten Hälfte noch oft gefrönt wird und welches dabei zu oft an das schwache Finale von Es: Kapitel 2 und seinen unendlichen Spezialeffekte-Marathon erinnert. Auch hier gilt aber, dass auf jeden gewollten Schockeffekt, der nicht so richtig sitzt, meist doch noch eine Szene kommt, die es besser macht... und es gibt durchaus Momente, die wirklich zu schauern wissen, aber auch einige Szenen, die in ihrer extremen Brutalität fast schon an ein neues Massaker des Terrifier-Clowns erinnern.

Fazit: Nach anfänglichen Startschwierigkeiten kommt diese Prequel-Serie immer mehr in Schwung, um auf seinen Höhepunkten allerlei ekstatische Aha-Momente, charmante Charakterszenen und echte Hochspannung aneinanderzureihen, die es durchaus mit den Kinofilmen aufnehmen können. Stark inszeniert, gut gespielt und mit genügend Futter ausgestattet, um auch in seiner eigenen Geschichte noch standhaft zu bleiben - da freue ich mich (auch aufgrund der ungemein fiesen Cliffhanger) bereits sehr auf die kommenden Staffeln.

Note: 2-



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Titanic (1997)

Eigentlich hätte "Titanic" kollossal floppen müssen. Der Dreh zog sich über viel mehr Tage hinweg, als eigentlich vorgesehen waren, die Produktionskosten explodierten, die Studios fürchteten einen massiven Verlust und überlegten sogar, Regisseur James Cameron noch während der laufenden Produktion wieder abzusetzen. Letzten Endes war sich sogar Cameron selbst eines Erfolges nicht mehr sicher... aber die Geschichte ist bekannt. Zwölf Jahre lang war das Katastrophen-Drama der erfolgreichste Film aller Zeiten, heimste elf Oscars ein, machte seine Hauptdarsteller über Nacht zu Stars. Und James Cameron, der erschuf ein unübertreffbares Meisterwerk der dramatischen Filmkunst, welche in Sachen Intensität und auch Schönheit auch noch heute recht allein dasteht in der Welt des Kinos. TITANIC Die über 100jährige Rose (Gloria Stuart) erzählt dem Schatzsucher Brock Lovett (Bill Paxton), der das Wrack der 1912 versunkenen Titanic nach einem wertvollen Diamanten absucht, von ihrer Ge...

Das Ende dieses Blogs

 An all meine treuen Leser*innen, ich machs kurz: Dieser Blog hat an dieser Stelle sein Ende gefunden. Gut zwölf Jahre haben sich meine Film- und Serienreviews hier angesammelt, doch nun werden sie an einer anderen Stelle ausgelagert. Ich bin mit meinen Filmreviews auf Letterboxd umgezogen, mein Account dort lautet Flolli und ihr findet ihn unter diesem Link:  https://boxd.it/jOAkX Meine Serienkritiken findet ihr zudem unter dem gleichnamigen Account auf Serializd:  https://www.serializd.com/user/Flolli/profile Zudem gibt es auch (seltener, aber ebenfalls erwähnenswert) Kritiken zu storylastigen Videospielen auf Backloggd:  https://backloggd.com/u/Flolli/ Ich hoffe, einige meiner treuen Leser*innen auf diesen Plattformen wieder zu treffen und euch auch dort noch genügend Lesestoff bieten zu können - es hat sich dort jedenfalls schon einiges angesammelt :) Auf bald, euer Flo

Anna und die Apokalypse

Teenagerin Anna (Ella Hunt) lebt eigentlich ein recht herkömmliches Highschool-Leben mit Verehrern, Hausaufgaben und manch einer jugendlichen Tragödie. Statt sich Schulfesten hinzugeben, ackert sie jedoch lieber für ein Flugticket raus aus den USA, um auf Reisen zu gehen. Diese Pläne werden jedoch plötzlich durchkreuzt, als in Annas Stadt eine Zombie-Apokalypse ausbricht. Erst nehmen sie und Annas und Freunde diese Sache mit Humor, doch als die Ernsthaftigkeit der Situation über sie hereinbricht, greifen sie zu allem, was sich durch einen Zombieschädel bohren lässt, um sich den Weg zur Highschool freizukämpfen. Dort sitzt nämlich Annas Vater Tony (Mark Benton) unter dem Kommando des verrückten Schulleiters Savage (Paul Kaye) fest... Man merkt schon - wirklich ernstnehmen tun die Macher rund um Regisseur John McPhail das immer noch allseits beliebte Zombie-Thema hier nicht und verpacken es daher dann auch, was in dieser Form tatsächlich noch unverbraucht ist, in ein buntes Musical. ...