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Never Let Go - Lass niemals los

In einer einsamen Hütte, abgelegen mitten im Wald, lebt Momma (Halle Berry) mit ihren beiden Söhnen Nolan (Percy Daggs IV) und Samuel (Anthony B. Jenkins). Außerhalb der Hütte soll eine grausame Gefahr darauf lauern, sich eines der Kinder zu schnappen und zu seiner Waffe zu machen, wodurch sogleich die gesamte, dreiköpfige Familie in Gefahr wäre. Um dennoch zu überleben, binden sich Momma und ihre Söhne stets ein Seil um die Hüften, welches mit der lebensrettenden Hütte verbunden ist - so kann die Gefahr sie nicht berühren. Doch als die Nahrung alsbald zur Neige geht und eines der Kinder mit dem Gedanken spielt, dass diese Bedrohung vielleicht nicht so real ist, wie Momma sie sich ausmalt, eskaliert die Situation...

Wenn Alexandre Aja einen neuen Film in die Kinos bringt, horchen Filmfans normalerweise auf. Trotzdem las sich "Never Let Go" nach einer etwas untypischen Produktion für Aja, der sich seinen großen Namen vor allem durch ultra-brutale Splatter-Werke wie "The Hills Have Eyes" und "Piranha" erarbeitete. Hier obsiegt aber die erdrückende Stimmung deutlich über den sehr wenigen und dann auch stets zurückgenommenen Momenten der Brutalität - Aja ist in der Lage, eine schneidende Atmosphäre zu erschaffen, die dann auch für allerlei schauerliche Szenen gut ist und die zermürbende Ausgangssituation gut umschreibt. Seine Inszenierung ist wie gehabt makellos: "Never Let Go" sieht von vorne bis hinten fantastisch aus und nimmt sich Zeit, um die Atmosphäre wirklich atmen zu lassen. Zudem hat er vor allem seine Hauptdarstellerin hervorragend im Griff, denn "John Wick"-Star Halle Berry agiert hier völlig uneitel und kann die spannenden Ambivalenzen ihrer Figur durchgehend sehr glaubwürdig ans Publikum transportieren. Für die beiden jungen Nachwuchsdarsteller gilt das hingegen nur bedingt - beide mühen sich redlich, doch fehlt es ihnen noch an echter Präsenz.
Und da fangen dann auch die Probleme ein bisschen an: Der Film fokussiert sich von Anfang an voll auf das mit der Zeit kippende Verhältnis der drei Familienmitglieder zueinander, welches immer wieder spannende Momente liefert, aber auch sehr lange auf der Stelle tritt. Wohin diese Reise irgendwann in irgendeiner Form laufen wird (und es gibt im Grunde keine anderen Möglichkeiten als die eines Hirngespinstes oder die der brutalen Echtheit von Momma's Geschichte), ist relativ klar und die Zeiten zwischen der schlussendlichen Auflösung und den vereinzelten Suspense-Szenen bekommt Aja nur mit Mühe gefühlt. Aber Aja wäre natürlich nicht Aja, wenn er nicht doch noch immer wieder für ein paar ziemlich krasse Überraschungen sorgen würde, die die Handlung nicht zwingend besser machen, aber für einige starke Erdrutsch-Momente sorgen. So wechseln sich hier eindeutige Längen im vorhersehbaren Familienzwist, die auch von der sauberen Inszenierung nicht vollständig aufgefangen werden können, mit einigen unerwarteten Highlights. Das wirkt etwas undifferenziert und tonal unentschlossen, hat aber natürlich dennoch seinen Reiz.
Allerdings scheitert der Film aufgrund seiner schier zwangsläufigen Vorhersehbarkeit, da sich die Geschichte im Grunde nur in die eine oder andere Richtung entwickeln kann, auch im Schlussspurt. Es fehlt an den letzten, wirklich mutigen Ideen, die man so nicht hat kommen sehen - stattdessen entscheidet sich das Drehbuch letztendlich für eine Variante, die man so eben schon lange hat kommen sehen, weswegen das Finale recht leidlich in seiner Wirkung verpufft. Letztendlich hätte "Never Let Go" als kompakter Kurzfilm vielleicht wesentlich besser funktioniert, denn die anfangs spannende Prämisse hält alleine auf dem Papier schon zu wenig Möglichkeiten bereit, um diese auch angemessen auszuspielen und abwechslungsreich zu gestalten. Aja hat aus dieser Geschichte im Grunde das Beste rausgeholt, doch retten konnte er diese eher unoriginelle Story natürlich auch nicht vollständig. Für Horror-Fans gibt es einige Momente, die vor allem aufgrund des atmosphärisch-beunruhigenden Scores und der wirkungsvollen Soundplakette zu schauern wissen. Dazwischen gibt es aber auch einige Momente, die durchaus langwierig daherkommen.

Fazit: Alexandre Aja hat die dichte Atmosphäre sehr ordentlich im Griff, stößt angesichts der zwangsläufig vorhersehbaren und abwechslungsarmen Geschichte aber an seine dramaturgischen Grenzen. Dafür ist Halle Berry in der Hauptrolle richtig stark.

Note: 3-



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