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Erbarmungslos

Im Jahr 1880 lebt der ehemalige Revolverheld und Auftragskiller William Munny (Clint Eastwood) nach dem Tod seiner Frau mit seinen beiden Kindern auf einer Farm - dem früheren Leben hat er schon lange abgedankt, nachdem seine Frau ihn bekehrt hatte. Eines Tages steht jedoch der junge Schofield Kit (Jaimz Woolvett) vor seiner Tür und bittet um Munny's Unterstützung bei einem Auftrag. Ein erquickliches Kopfgeld wird geboten, wenn zwei Männer aufgespürt und getötet werden, die zuvor in der verschlafenen Kleinstadt Big Whiskey die Prostituierte Delilah Fitzgerald (Anna Levine) verstümmelt haben. Munny lehnt erst ab, glaubt aber dann, dass seine eingerosteten Fähigkeiten diesmal wirklich dazu in der Lage wären, echte Gerechtigkeit und nicht nur kaltblütigen Mord zu bringen. Deswegen schließt er sich mit seinem alten Partner Ned Logan (Morgan Freeman) zusammen, um die Männer aufzuspüren. Beide ahnen jedoch nicht, dass der finstere Sheriff William Daggett (Gene Hackman) in Big Whiskey das Kommando übernommen hat und jeden hinrichten lassen will, der beschließt, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen...

Denkt man heute an die Kinolegende Clint Eastwood, hat man ihn sicherlich zuerst als großen Western-Helden vor Augen. Ganz in einer Tradition mit John Wayne und Henry Fonda wurde Eastwood in mehreren Western-Klassikern zum Star, die heute aber vor allem eines stets gemeinsam haben: Sie bestehen aus nur wenig variierten Klischees, die durchaus Charme haben, aber aufgrund der Masse der Filme auch stets das Gefühl erweckten, man hätte dieses und jenes schon gesehen. Erstaunlich war es also, dass Eastwood im Jahr 1992, als das Western-Genre im Grunde als tot galt, noch einmal in dieses Metier zurückkehrte... aber nicht, um einen weiteren, recht geradlinigen Western der bekannten Marke abzuliefern, sondern um das Genre förmlich zu destabilisieren. Dies gelang ihm: Erbarmungslos gewann vier Oscars (darunter auch für Eastwood als Regisseur) und gilt als heute einer der besten und bedeutendsten Western aller Zeiten... gerade weil er viele Dinge anders machte und insbesondere die zentralen Figuren von ihren übergroßen Manirismen befreite.
Denn frühere Western-Filme werden heute vor allem auch deswegen als die Superhelden-Streifen ihrer Zeit betrachtet, weil ihre Helden im Grunde unantastbar und schier übermenschlich agierten. In Erbarmungslos wird hingegen das Bild eines ehemaligen Revolverhelden gezeichnet, wodurch man hier den Eindruck gewinnt, dieser Film könnte locker auch die düstere Fortsetzung eines beliebigen Western sein. Hier ist im Grunde kein Platz mehr für Helden, stattdessen sinnieren diese Männer, mit ihren früheren Taten mehr als hadernd, über das nach, für das sie einst standen... und was sie heute noch sind. Eine vor allem für damalige Zeiten ungemein mutige Ansicht, die vor allem deswegen so gekonnt wirkt, weil Eastwood sich in dem Genre mehr als nur auskennt. Deswegen gibt es hier und da doch noch die passenden Klischees, die aber meist entweder ironisch oder auf einer emotional starken Charakterebene gebrochen werden. Insbesondere die dezidierte Untersuchung eines klassischen Revolverduells wird hier so maßlos spannend und zudem sehr clever auf die Spitze getrieben, dass man kaum glauben konnte, dass sich anschließend noch andere Regisseure an diesem Genre versuchen wollten... denn was gäbe es anschließend eigentlich noch zu dem Thema zu sagen?
Über diese Tiefe innerhalb des Genres hinaus zeigt Erbarmungslos natürlich auch die typischen Eastwood-Qualitäten. Insbesondere die einzelnen Spannungsszenen sind herausragend gut inszeniert - und dabei braucht Eastwood nicht mal einen Schuss, der abgefeuert wird, um das Adrenalinlevel brisant steigen zu lassen. Die Besetzung ist ebenso erstklassig, so tummeln sich neben Eastwood selbst in der Hauptrolle noch große Legenden wie Die Verurteilten-Star Morgan Freeman, der phänomenale Richard Harris und natürlich Gene Hackman, der als einer der besten Bösewichte der 90er Jahre in die Filmgeschichte einging und zudem (mehr als verdient) den Oscar als bester Nebendarsteller abräumte. Auch hier werden aber immer wieder geschickt Erwartungen unterlaufen, wenn dieser offenkundig fiese Bösewicht gar noch eine echte Schwäche zugestellt bekommt und sehr viel Zeit aufgewendet wird, um diesen als echten Menschen und nicht nur als letzte, große Hürde des (hier quasi eh nicht existierenden) Helden zu zeichnen. Auch das große Finale kann man in diesem Sinne beinahe antiklimatisch nennen. Und auch wenn sich gerade in der zweiten Hälfte hier und da ein paar Längen einschleichen und die Frauenrollen in diesem Film im Grunde zur reinen Passivität verdammt werden (obwohl auch hier zum Beispiel mit Titanic-Star Frances Fisher ein echtes Schauspiel-Schwergewicht zur Verfügung stand), so lassen sich solche Schwächen angesichts des reinen Mutes dieses Films leicht verzeihen. Keine Frage: Erbarmungslos hat sich seinen Platz in der Liste der filmhistorisch wichtigsten Western mehr als verdient, was diesmal aber nicht an den typischen Manirismen, sondern genau an dessen Vermeidung oder Umstülpung liegt.

Fazit: Gerade aufgrund seiner angenehm mutigen Ansätze, ein klassisches Genre von grundauf neu zu denken, ist Erbarmungslos einer der besten Western aller Zeiten - hervorragend besetzt, klug geschrieben und trotz einiger Längen elektrisierend inszeniert und hochspannend.

Note: 2-





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