Unter Bergen von Akten und vor Gericht kennt sich die junge Anwältin Liv (Melissa Barrera) bestens aus, auch wenn sie eine recht stürmische Affäre im Büro sowie ihre finstere Vergangenheit rund um ihre stets gegeneinander arbeitenden Eltern immer wieder beeinflussen. Doch dann stürzt ein Privatflugzeug mit Liv an Bord mitten über der kanadischen Wildnis ab. Ihr gelingt die Flucht aus dem in einem See versinkenden Flugzeug, doch damit ist ihr Leben noch nicht gerettet. Unter Bäumen, mit Wildtieren und ständigen, neuen Hindernissen versucht Liv irgendwie, einen Weg zurück in die Heimat zu finden. Die Extremsituation bringt zudem ihre vergangenen Traumata wieder ans Licht - kann sie diese an diesem unwirtlichen Ort vielleicht gleich auch noch aufarbeiten?
Wer nach der nicht zwingend irreführenden, aber dennoch ein bisschen täuschend agierenden Werbekampagne hier nun mit einem knallharten und action-orientierten Survival-Thriller rechnete, dürfte nach höchstens zwei Folgen ein bisschen in die Röhre gucken. Zu einem Großteil interessiert sich diese sechsteilige Mini-Serie von Netflix nämlich weniger für den Überlebenskampf einer jungen Frau in der Wildnis, sondern mehr für deren reichlich turbulente Vergangenheit. Das kann man natürlich schon so machen, muss dann aber mindestens auf einer der beiden Seiten einige gute Ideen haben. Entweder im Survival-Aspekt, damit dieser actionreiche Part ordentlich Adrenalin pumpt und das Publikum wirklich mitfiebern lässt. Oder in Sachen Charakterarbeit, indem man die Hauptfigur trotz eines schaleren Abenteuerrahmens extrem interessant und ambivalent zeichnet, sodass ihre Vergangenheit vielleicht noch interessanter daherkommt als ihr gegenwärtiger Überlebenskampf - Lost lässt grüßen. Im besten Fall gelingt vielleicht sogar beides auf einmal, doch hier ist das leider nicht der Fall: Wirklich fesselnd ist bei Keep Breathing nämlich keine Seite der Medaille.
Dabei geht die ganze Sache noch recht spannend los, wenn der Absturz in der ersten Folge einigermaßen intensiv gestaltet ist und Livs erste, durchaus nachvollziehbare Schritte in der Wildnis ebenfalls mit einem ordentlichen Maß an Spannung verbunden sind. Die Bilder der ebenso gefährlichen wie wunderschönen Natur sind dazu ebenfalls sehr hübsch anzusehen, wobei man solcherlei bei einer Serie dieses Genres natürlich auch irgendwie erwarten darf. Darüber hinaus hält letztendlich aber wenig die Aufmerksamkeit wirklich wach. Mehr als die Hälfte der gesamten Serie gehen für die Rückblenden in Livs früheres Leben, inklusive Kindheit, drauf... und leider wird hier mehrheitlich mit Klischees gearbeitet. Von jeder Seite bekommt Liv ein ordentliches Trauma angedichtet, woneben die arg kitschige Büro-Romanze zudem sehr banal daherkommt. Dabei verpassen die Macher es, Livs Traumata wirklich mit ihrem Überlebenskampf zu verknüpfen und nutzen letztendlich doch nur Binsenweisheiten, um die Dramatik zu untermauern. Das wirkt nicht nur faul, sondern durch die dauerhaften Visionen und Träume auch ziemlich langweilig.
Dass der auf dem Papier so spannend klingende Überlebenskampf zudem auch nicht recht überzeugt, hat auch ein bisschen mit der Hauptdarstellerin zu tun. Melissa Barrera bewies als zwischenzeitliche, neue Hauptdarstellerin in der Scream-Reihe zwar, dass sie durchaus starke Frauenfiguren zeitgemäß verkörpern kann, hatte dabei aber auch stets sehr talentierte Kolleg*innen an ihrer Seite. Hier ist sie zu Großteilen alleine auf weiter Flur und für diese (zugegeben sehr schwierige) Aufgabe mangelt es Barrera noch an Präsenz und Glaubwürdigkeit. Sie müht sich sichtlich, kann die hartgesottenen, körperlichen Schindereien aber nicht wirklich transportieren. Diese stammen übrigens auch aus dem Setzbaukasten des Genres und sind darüber hinaus nicht einmal wirklich einfallsreich oder zumindest intensiv inszeniert: Wildtiere, finstere Höhlen, Nahrungssuche, Feuer machen... all das wirkt etwas repetitiv, die eine, originelle Idee fehlt hier. Am Ende bleibt einem dann nur übrig, sich an den hübsch komponierten Bildern zu erfreuen, denn auf reiner Handlungsebene überzeugt Keep Breathing weder bei den Survival-Aspekten noch beim Aufbau einer interessanten Hauptfigur.
Fazit: Nach einem recht starken Beginn flaut Keep Breathing aufgrund seiner schematisch durchgetakteten Rückblenden-Struktur und der wenig überzeugenden Inszenierung immer mehr ab, langweilt über weite Strecken sogar. Weder der Abenteuer-Aspekt noch der arg forcierte Aufbau einer ambivalenten Hauptfigur wirkt hier wirklich gekonnt.
Note: 4
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