Als Raymond (Ewan McGregor) eines Nachts vor der Tür seines Bruders Ray (Ethan Hawke) steht, bringt er düstere Nachrichten mit: Ihr gemeinsamer Vater ist nach langer Krankheit verstorben. Von echter Trauer kann bei den beiden Brüdern, die sich schon lange nicht mehr gesehen haben, aber keine Rede sein. Ganz im Gegenteil, insbesondere Ray beteuert durchgehend, was für ein grauenvoller Mensch ihr Vater doch war und dass eine Teilnahme an seiner morgigen Beerdigung doch eigentlich nicht nötig sei - weder hätte er es verdient noch würde er es nun ja überhaupt noch mitbekommen. Raymond und Ray nehmen dennoch daran teil und werden Zeugen einer recht skurrilen Veranstaltung mit allerlei Wünschen ihres verstorbenen Vaters, die es den beiden Söhnen aber noch schwerer machen, mit diesem Menschen und den Dingen, die er ihnen angetan hat, wirklich abzuschließen...
Apple ist nicht nur bekannt dafür, große Schauspielstars für schier jede ihrer Produktionen vor die Kamera zu holen, sondern sich auch stets namhafte Regisseure und Regisseurinnen zu leisten. Neben Joseph Kosinski, der den oscarnominierten F1 für Apple in Stellung brachte oder auch der Zusammenarbeit mit Kino-Legende Martin Scorsese für das Star-Vehikel Killers of the Flower Moon standen bereits zahlreiche große Filmemacher für Apple's Streamingdienst bereit. Im Jahr 2022 wurde beispielsweise mit Rodrigo Garcia zusammengearbeitet, der sich vor allem durch ruhigere Dramen wie Albert Nobbs einen Namen machte. Für Apple drehte er ebenfalls ein Drama, welches die Geschichte zweier Brüder erzählt, die sich auf der Beerdigung ihres Vaters wiedertreffen... diesem aber eigentlich keine Träne nachweinen wollen. Im Grunde gereicht ein solcher Stoff einem Regisseur zu einer soliden Leistung ohne echte Originalität, aber Garcia findet insbesondere während den Szenen bei der Beerdigung immer wieder auch kluge Ideen, um diese Momente passend zu bebildern, ohne es aber zu kunstvoll zu überhöhen.
Denn überhöht wird hier wirklich gar nichts. Raymond & Ray ist ein sehr ruhig erzählter Film, wodurch die menschlichen Dramen der beiden Hauptfiguren, die erst nach und nach überhaupt richtig aus sich herauskommen, durchaus gewinnen. Während Ray schon in seinem ersten Auftritt mit vorgehaltener Waffe herumpoltert und gar keinen Hehl daraus er macht, dass er dem Tod seines Vaters keine Träne nachweint, agiert Raymond wesentlich stiller. Auch er musste unter seinem Vater leiden, sieht die Teilnahme an seiner Beerdigung jedoch als familiäre Pflicht... und erhofft sich davon vielleicht sogar eine gewisse Erlösung. Das gemeinsame Spiel der beiden Hochkaräter, die ja gerade in solch angenehm geerdeten Rollen stets zu glänzen wissen, weiß mehr als zu gefallen und insbesondere durch die direkten Kontraste der beiden Darstellungen entstehen viele Momente, die amüsieren, aber auch etliche, die ehrlich zu Herzen gehen.
Trotzdem ist Raymond & Ray kein außergewöhnlicher Film. Welche zentralen Messages er uns mit auf den Weg geben möchte, ist von Anfang an klar und man hat nicht vor, uns dahingehend zu überraschen. So ambivalent zudem die beiden Hauptfiguren geschrieben sind, umso weniger überzeugen die Nebencharaktere, die vordergründig vor allem als weiterer Brennstoff für Konflikte oder als dramatischer Fixpunkt für Problemlösungen herhalten müssen. Der sehr ruhige, manchmal vielleicht auch etwas zu sentimentale Tonfall dürfte nicht jedermanns Sache sein, passt aber generell zum Thema, auch wenn man zum Schluss weitaus weniger aus den komplexen Gefühlssituationen der Charaktere hervorbringt als möglich gewesen wäre. Das Drehbuch ist in diesem Falle also nur gut, aber keinesfalls großartig, was durchaus noch etwas Luft nach oben lässt.
Fazit: Auch wenn man hier und da etwas zu offenkundig sentimental agiert und die Nebenfiguren noch mehr Feinschliff vertragen hätten, gefällt Raymond & Ray vor allem durch seine beiden Hauptdarsteller und einen ebenso ehrlichen wie obskuren Blick auf die Gefühle zum Tod.
Note: 3+
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