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Midnight Mass

Nach vier Jahren im Gefängnis kehrt Riley Flynn (Zach Gilford) in seine Heimat auf die nur von 127 Menschen bewohnte Insel Crockett Island zu seiner Familie zurück. Noch immer geplagt von schrecklichen Schuldgefühlen und lebendigen Alpträumen, die ihn mit seiner Tat konfrontieren, versucht er sich in den Alltag einzuleben. Dabei stößt er jedoch vor allem seinen Vater Ed (Henry Thomas) vor den Kopf, da er im Gefängnis dem christlichen Glauben abschwor und Atheist wurde. Zu genau dieser Zeit taucht mit dem jungen Pfarrer Paul Hill (Hamish Linklater) ein neuer Vater auf, der fortan die Messen auf der Insel übernimmt. Nach anfänglicher Skepsis seitens der Einwohner hat Hill die Menschen aber schon bald aufgrund eines schockierenden Ereignisses auf seiner Seite... während ein kleiner Teil der Einwohner glaubt, das dabei aber nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

In seiner dritten Netflix-Serie wendete sich Mike Flanagan vom Spukhaus-Thema ab. Obwohl er annähernd im gleichen Genre verblieb und dementsprechend Horror-Unterhaltung bietet, die sich aufgrund der vielen Figuren und der langsamen Erzählweise eher als Drama liest, ist diesmal einiges anders. Dass Midnight Mass laut eigenen Aussagen seine bisher persönlichste Arbeit ist, merkt man den beiden zentralen Themen durchaus an. Besonders die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben und dem, was die Menschen aus diesen religiösen Motiven machen, widmet er sich mit einer enormen Ausführlichkeit, während auch die Themen Alkoholismus, Schuld und Sühne mehrfach Gewicht erhalten. Das hat schon einen sehr persönlichen, beinahe intimen Touch, der vor allem deswegen so stark wirkt, weil die vielen Figuren erneut außergewöhnlich gut geschrieben sind. Flanagan begnügt sich niemals mit dem Genre-Klischee, die Charaktere zu bloßen Abziehbildern zu machen, sondern gibt jedem von ihnen Seele, Innenleben und Glaubwürdigkeit. Das hebt seine Serien immer wieder vom Standard des Genres ab, sorgt aber bisweilen auch für ein bisschen Redundanz.
Denn das Flanagan Horror kann, das beweist er auch hier - einzelne Momente, oftmals nur wenige Sekunden lang, aber so überraschend platziert, dass einem regelrecht das Herz in die Hose rutscht, sind wieder ungemein angsteinflößend. Im Grunde will er aber keine Horror-Geschichte erzählen, was sich schon allein daraus speist, dass die wirklichen Schauerszenen (wie schon in seinen vorherigen Serien) selten sind und oft kurz ausfallen. Erst in den letzten Folgen gibt er so richtig Gas, zu diesem Zeitpunkt weiß man aber auch schon, was hier eigentlich gespielt wird und darf sogar innerhalb eines actionlastigen Showdowns noch gleich mehrere, gefühlvolle Momente bewundern. Diese sind, auch wenn Flanagan hier wieder einige kitschige Seiten auslebt, sehr treffsicher und besonders der Schluss ist hier (auch dank der Musikauswahl) so poetisch, dass man sich manch einer Träne wahrlich nicht schämen braucht. Aber so ist das eben bei Flanagan: Er sorgt dafür, dass wir uns in einzelnen Momenten vor Amgst förmlich hinter unseren Kissen verstecken wollen, kann aber gleichsam auch mit solch gekonnten Emotionen aufwarten, dass wir nur zwei Minuten später Rotz und Wasser heulen.
Diese Symbionte funktioniert dabei auch besser als der sich irgendwann in seinem unnötig überkomplizierten Konzept verlierende Spuk in Bly Manor. Trotzdem weiß Flanagan oftmals noch immer nicht, wann er denn nun weiterziehen muss. Man kann ihm angesichts der überbordenden Länge seiner Geschichte, die diesmal aber immerhin konzentrierter verläuft und ein sehr schönes, rundes Mysterium bietet, durchaus vorwerfen, dass er seine Figuren zu sehr liebt. Nur so lässt sich erklären, dass er sie oft zehn Minuten lang in ewig langen Dia- und Monologen reden lässt, die zu Beginn noch erhellend und unterhaltsam sind, irgendwann aber so entnervend im Kreise gedreht sind, dass man das zähe Tempo der Serie schier körperlich spürt. Sicher, es gibt dazwischen immer wieder Highlight-Momente und generell sind alle Figuren so faszinierend geschrieben, dass wir jede Minute mit ihnen genießen. Aber auch hier gilt mal wieder, dass diese Geschichte ebenso atmosphärisch hätte erzählt werden können, wenn mindestens eine Folge gestrichen worden wäre und man dementsprechend gewisse Szenen entschlackt hätte. Wer sich aber wirklich langweilt (und das habe ich selten getan), darf sich dafür mal wieder an Flanagan's brillanter Bildsprache erfreuen, die erneut malerische und bisweilen schrecklich-schöne Bilder erzeugt.

Fazit: Trotz Flanagans üblichem Hang zur extremen Überlänge gefällt Midnight Mass aufgrund seiner mal wieder hervorragend geschriebenen Figuren, dem spannenden Mysterium und dem packenden Umgang mit heiklen Themen. Die faszinierende Bildsprache täuscht aber auch nicht darüber hinweg, dass Flanagan noch immer erhebliche Probleme mit seinem Erzähltempo hat.

Note: 3+



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