Im Jahr 1987 bewirbt sich die Amerikanerin Dani Clayton (Victoria Pedretti) in London als Au-Pair bei dem wohlhabenden und erfolgreichen Anwalt Henry Wingrave (Henry Thomas). Ihr Job sieht vor, in das "Bly Manor"-Haus zu ziehen und dort gemeinsam mit weiteren Angestellten auf die beiden Kinder Miles (Benjamin Evan Ainsworth) und Flora (Amelie Bea Smith), Nichte und Neffe Henrys, zu achten, diese zu unterrichten und sich um sie zu kümmern. Beide gelten seit dem überraschenden Tod ihrer Eltern als schwierig und da sich etwaige Schauermärchen um das Haus ranken, fällt es dem Anwalt schwer, überhaupt jemanden zu finden, der diesen Job ausführen will. Dani jedoch nimmt die Herausforderung an und versucht sich innerhalb der grauen Steinmauern einzuleben... bis sie selbst einige mehr als merkwürdige Erfahrungen macht, die sie gar an ihrem Verstand zweifeln lassen.
Ich habe mir endlich vorgenommen, die fünf Mini-Serien zu sehen, die Mike Flanagan (eine der großen Horror-Hoffnungen der jetzigen Generation) vor einigen Jahren für Netflix gemacht hat. Damals gab ich nach dem gigantisch umworbenen Spuk in Hill House nämlich schon auf. Sein Erstlingswerk für Netflix habe ich ebenfalls nochmal gesehen und obwohl ich etwaige Schwächen wie der kitschige Abschluss und die überkomplexe Erzählweise entgegen einer simplen Geschichte weiterhin wahrgenommen habe, habe ich mich nun deutlich besser unterhalten gefühlt - vor allem dank einer grandiosen Atmosphäre, einer starken Bildgestaltung und einem brillierenden Cast hat sich meine Note daher auf eine glatte 3 verändert. Diese Stärken finden sich auch in der Quasi-Nachfolge-Serie Spuk in Bly Manor, die jedoch eine ganz und gar eigene Geschichte erzählt und keinerlei Überschneidungen mit Flanagans vorheriger Serie offenbart. Auch hier agiert der Cast (in dem sich auch einige Rückkehrer aus Spuk in Hill House tummeln) ungemein stark, die Bilder sind wunderschön anzusehen und Mike Flanagan erweist sich erneut als Genie darin, eine nahezu schneidende Atmosphäre zu kreieren.
Wobei es sich diesmal kaum um eine Horror-Stimmung handelt: Viel, viel mehr noch als die vorherige Serie aus seiner Feder ist Spuk in Bly Manor vordergründig ein charaktergetriebenes Drama, bei dem die einzelnen Horrorszenarien nur noch einen kleinen Teil ausmachen. Das ist prinzipiell kein Problem, da die eigentliche Schauerstimmung nun vor allem durch die dichte Atmosphäre lebt, die Flanagan hier dank einer wunderbaren Bildgestaltung und einigen herrlich fiesen Momenten, in welchen er mit den Erwartungen des Publikums schier Tennis spielt, kreieren kann. Wirkliche Alptraum-Momente, über die man noch Tage später sinniert, finden sich diesmal aber nicht, stattdessen konzentriert sich Flanagan auf eine hier und da übernatürlich angehauchte Geschichte, bei der die menschlichen Figuren und ihre eigenen, persönlichen Dramen und Dämonen im Mittelpunkt stehen. Und auch diese sind wieder sehr fesselnd geschrieben - gerade in der ersten Hälfte, wenn Flanagan unaufdringlich diverse Geheimnisse streut, immer wieder ein paar Puzzleteile einwirft und die Figuren mit mehr und mehr Leben ausstattet, macht es ungemein viel Spaß, dem großen Geheimnis auf den Grund zu gehen.
Mit diesem Geheimnis fangen aber auch die Probleme an, denn ähnlich wie in Spuk in Hill House hätte sich dieses auch deutlich simpler und einfacher erzählen lassen. Stattdessen nutzt Flanagan zahlreiche Umwege, um dieses recht geradlinige Mysterium so verwinkelt zu beleuchten, dass am Ende gleich mehrere arg behäbige und bemüht wirkende Erklärbär-Folgen notwendig sind, um die ganze Nummer noch rund abzuschließen. Und rund ist das ganze Brimborium zwar, hat aber auch so viele Umwege genommen und die Geschichte bisweilen so dermaßen langsam erzählt, dass man zu der Annahme kommt, dass die Serie auch mit der Hälfte der Folgen locker ausgekommen wäre. Weder hätte man dabei auf die vielen, ambivalenten Figuren noch auf die schneidende, sich nur langsam aufbauende Atmosphäre verzichten müssen - nur ein bisschen mehr Tempo und ein paar unnötige Nebelkerzen weniger wären wünschenswert gewesen. So entpuppt sich Flanagan erneut als ein hervorragender Handwerker, der seine üppigen Geschichten aber mit solch einem langen Atem erzählt, dass selbst die gelungenste Atmosphäre nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass wir hier mit ein paar faulen Tricks richtig lange hingehalten werden... um am Ende mit einer zwar runden, aber kaum spektakulären Auflösung abgefrühstückt zu werden.
Fazit: Die Mixtur aus packenden Drama-Aspekten und leisem Horror funktioniert auch hier, doch die Geschichte wird so umständlich und langwierig erzählt, dass selbst die spannenden Figuren und die gelungene Atmosphäre nicht über viele Längen und bemüht daherkommende Erklärbär-Ausflüchte hinwegtäuschen.
Note: 3-
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