Lydia Tar (Cate Blanchett) gilt als eine der begnadetsten Musikerinnen ihrer Zeit. Als erste Frau leitet sie als Chefdirigentin ein großes, deutsches Orchester in Berlin und lehrt zudem junge Menschen in einer Akademie, auf ihren Wegen zu wandeln. Dabei macht sie sich aufgrund ihrer sehr strengen Art mitnichten nur Freunde, wird für ihre Liebe zur Kunst und ihre absolute Unerschrockenheit jedoch weitgehend bewundert. Mit der Zeit fällt es ihr jedoch schwer, Berufs- und Privatleben zu trennen: Als die junge Cellistin Olga Metkina (Sophie Kauer) auf Probe zum Orchester stößt, spürt Lydia, dass sich etwas zu ändern droht... etwas, dass auch ihre romantische Beziehung zu ihrer Partnerin Sharon (Nina Hoss) beeinträchtigen könnte. Alsbald ist sogar ihre Karriere bedroht und Lydia beginnt damit, sich in in dem Trubel um ihre Person und den Dingen rundherum, die sie nicht kontrollieren zu können glaubt, zu verlieren.
Der für sechs Oscars nominierte Film von Regisseur Todd Field wurde von Kritikern nahezu einhellig gelobt. Und das kann man verstehen, sofern man bereit ist, der recht eigensinnigen Version Fields zu folgen, die darauf aus ist, das Publikum deutlich mehr zu fordern als es mit einfachen Mitteln mitzureißen. Am problematischsten dürfte dabei das beinahe völlige Fehlen eines emotionalen Ankers sein, da Field sein Werk mit einer bemerkenswerten Kälte inszeniert. Am ehesten sollte natürlich die Hauptfigur ein solcher Anker sein und es gelingt auch, dieser durchaus faszinierenden Lydia Tar durch den nach ihr benannten Film zu folgen. Was aber deutlich mehr an Cate Blanchett liegt, die mit dieser Performance sicherlich eine der besten, wenn nicht gar ihre beste Leistung in einer an brillanten Darstellungen sicherlich nicht armen Karriere hinlegt. Blanchett vermag es, die große Liebe und auch Ehrfurcht zur Musik ihrer Figur mit nur wenigen Szenen absolut greifbar zu machen und schafft es gar, diese Figur selbst dann noch glaubwürdig zu halten, wenn später einige Dinge über sie ans Licht kommen, die man beim besten Willen nicht mehr gutheißen kann - künstlerisches Genie hin oder her.
Brotkrumen in diese Richtung wirft Todd Field schon früh aus und man kann sich auch schon sehr bald ausmalen, in welches prekäre Szenario der Plot führen wird. Was man daraus dann aber macht, ist ebenso spannend wie diskussionswürdig, denn statt wirklich eine echte Position oder Haltung einzunehmen, verweigert Field auch hier dem Publikum eine ganz klare Note. Dies gelingt ihm, indem er immer wieder wichtige Szenen auszusparen scheint, durch welche wir uns eine klare Meinung zu den Figuren und dem Geschehen um sie herum bilden könnten. Das mag gerade gegen Ende etwas unbefriedigend sein, wenn Field plötzlich doch noch mit recht harten Bandagen kämpft und gar droht, ein wenig zu arg ins Melodramatische zu kippen - etwas, was dem Film bei all seiner Kälte zuvor eigentlich nicht so recht passt. Das sorgt aber auch dafür, dass wir am Ende selbst darüber nachdenken können, was für eine Lehre wir daraus ziehen und dass wir uns genauere Gedanken darüber machen, wer diese Lydia Tar nun ist, welche Fehler sie macht und welche davon man ihr konkret vorwerfen kann.
Um diese leicht sperrige, aber durchweg hochinteressante Inszenierung trotz dem beinahe völligen Fehlen größerer Emotionen lebendig zu halten, nutzt Field immer wieder Einschübe einer gewissen Unruhe. So zum Beispiel eine beinahe unmerkliche, aber schier dauerhafte Musikuntermalung, die vor allem in sehr stillen Szenen dafür sorgt, dass wir uns unbehaglich fühlen - was für das Publikum dann ebenso wie für die Protagonistin, die ihren eigenen Dämonen niemals entkommen kann, ein belastender Dauerzustand sein soll. Daneben gefällt eine hervorragende Kameraarbeit und ein gekonnter Schnitt, der einen förmlich durch den Film hindurchträgt. Bei einer Laufzeit von mehr als zweieinhalb Stunden ist Tar letztendlich zwar doch ungefähr fünfzehn Minuten zu lang, hat aber trotzdem keinerlei echte Hänger zu beklagen. Und der Einblick hinter die Mauern eines großen Orchesters, wobei allerlei Worte zum Thema Machtpositionen und deren Ausnutzung, Kunst, Musik, Leidenschaft und dem Finden des eigenen, künstlerischen Weges ausgesprochen werden, sind nicht nur für Menschen, die selbst in diesem Berufszweig arbeiten, höchst interessant. Wenn man angesichts dieser packenden Prämisse und ihrer zumeist ebenso packenden Umsetzung bedenkt, dass vor beinahe drei Jahren dieser Film bei beinahe allen Oscar-Kategorien von dem (meiner Meinung nach) deutlich überbewerteten Everything Everywhere All At Once ausgestochen wurde, ist es umso trauriger, dass dieser mutige und sicherlich nicht unbeschwerte Film im Gegenzug keine Trophäe mit nach Hause nehmen durfte.
Fazit: Cate Blanchett brilliert als eiskalte Chef-Dirigentin, deren eigene Verfehlungen ihr alsbald über den Kopf wachsen. Mit einer ebenso packenden wie stillen Inszenierung trifft Todd Field zwar nicht immer den richtigen Ton und lässt uns vor allem gegen Ende etwas untersättigt zurück, weiß aber dennoch mit vielen Nadelstichen und interessanten Worten nachhaltig zu beeindrucken.
Note: 2-
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