James Whitehouse (Rupert Friend) ist ein höchst erfolgreicher und angesehener Abgeordneter in Westminster. Eines Tages droht ein waschechter Skandal sein beschauliches Leben und auch das seiner Frau Sophie (Sienna Miller) völlig auf den Kopf zu stellen. Eine fünfmonatige Affäre mit seiner deutlich jüngeren Arbeitskollegin Olivia Lytton (Naomi Scott) wird publik und die Familie Whitehouse sieht sich einem gigantischen Pressegewitter ausgesetzt. James versucht mit viel Reue mit der Situation umzugehen und scheint die Wogen somit glätten zu können - auch Sophie möchte ihm den Fehler letztendlich verzeihen. Tatsächlich lauert hinter diesem privaten Skandal jedoch noch etwas viel Größeres und plötzlich muss Sophie erkennen, dass ein vergleichsweise harmloses Techtelmechtel noch das Harmloseste war, was James in der Vergangenheit getan hat...
Auch "Anatomie eines Skandals" ist eine gute Mini-Serie auf Netflix, wie so viele andere davor und danach. Das Thema ist brisant und wird packend aufgegriffen, wobei man sich dem hier im Fokus stehenden Skandal sowohl von einer emotionalen als auch von einer juristischen Seite spannend nähert. Die Figuren sind angenehm ambivalent und laden dazu ein, mit ihnen mitzufiebern, zugleich aber auch niemandem wirklich über den Weg zu trauen - schließlich sind potenzielle Lügen im politischen Arbeitsalltag von James Whitehouse keine Seltenheit. Auch der Cast macht seine Sache sehr gut, wobei Netflix erneut ein sehr namhaftes Ensemble zusammentrommeln konnte. Neben "Homeland"-Star Rupert Friend und der ohnehin immer großartigen Naomi Scott stechen zwei aber noch mal gesondert hervor. Einerseits Sienna Miller, die als von all dem Trubel völlig erschlagene und schließlich mit ihrem gesamten Leben hadernde Ehefrau und Mutter eine absolute Brachial-Performance hinlegt; und "Here"-Star Michelle Dockery, die als knallharte Staatsanwältin einige solch gepfefferte Dialogzeilen hinlegt, dass einem Hören und Sehen vergeht, dabei aber auch eine zutiefst verletzliche Seite offenbart, die sich aber erst nach und nach zeigt.
Der Plot ist geradlinig und spannend, liefert packende Enthüllungen und zieht sich dramaturgisch durchaus clever über sechs Folgen. Allerdings muss man hier auch manch eine bittere Pille schlucken. Denn zwar geht "Anatomie eines Skandals" mit den teils sehr schwierigen Themen sehr eloquent um, verharmlost nichts, begeht aber auch keinerlei Fehler darin, sich an diesen Dingen zu ergötzen. Allerdings wirkt der Plot dann hin und wieder doch etwas passend zurechtgebogen, wobei einige überraschende Wendungen die innere Glaubwürdigkeit der Handlung zu verletzen drohen. Es gibt so einige Enthüllungen in diesem Fall, denen man das Wörtchen "unwahrscheinlich" aufdrucken mag, auch wenn diese für eine durchgehende Spannung und einige Überraschungen natürlich Gold wert sind. So richtig für voll nehmen kann man zumindest Teile der Handlung dann aber nicht mehr, was für einen eigentlich sehr bodenständigen Thriller etwas schädlich ist.
Auch die Inszenierung wirkt manchmal etwas zu laut. So greifen die Macher hier auf allerlei effekthascherische Mittel zurück, welche die Brisanz des Themas und einzelner Situationen unterstreichen sollen, tragen dabei aber mehrfach zu dick auf. Das ganze Potpurri an großen Ideen wird dabei aufgefahren, über schwummernde Träume und Visionen, Mega-Zeitlupen, einen sehr aufdringlichen Soundtrack und ständige Spiele mit Licht und Schatten. In den besten Momenten ist das packend, in den schlechtesten (so zum Beispiel, wenn sich Staatsanwältin und Angeklagter in einem menschenleeren Gerichtssaal wie zwei Löwen umkreisen) aber gar unfreiwillig komisch. Die Handlung ist aber spannend genug, sodass solcherlei überzeichnete Manirismen gar nicht nötig wären. Erstaunlicherweise finden sich in der Regie nämlich schon wesentlich subtilere und interessantere Methoden, um hier durch die Bildgestaltung gewisse Züge zu setzen. So beispielsweise immer wieder der Einsatz von Fenstergläsern, hinter denen die Charaktere zu sehen sind, wobei ihre Gesichtszüge hier und da verzerrt werden, um somit die Aussage zu treffen, dass ein jeder von ihnen selbst "verzerrt" ist und gewisse Verrenkungen in seinem Inneren verbergen könnte. Schade, dass die Serie dabei nicht immer so subtil bleibt, denn so beraubt sie sich in ihrer Überinszenierung viel ihrer ohnehin vorhandenen Brisanz und Spannung.
Fazit: Ein packender Thriller mit brisanten Themen, hervorragend besetzt und trotz einer gewissen Geradlinigkeit und einiger etwas unkonformer Wendungen bis zum Schluss spannend und aufrüttelnd. Die etwas zu dick aufgetragene Inszenierung sorgt aber dafür, dass subtile Einfälle untergehen und das eigentlich sehr bodenständige und realistische Geschehen zu sehr hochstilisiert wird.
Note: 3
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