Direkt zum Hauptbereich

Tschitti Tschitti Bäng Bäng

Der Erfinder Caractacus Potts (Dick van Dyke) hat herbe Geldprobleme, da seine kreativen Erfindungen wie pfeifende Süßigkeiten oder ein Raketenatrieb nicht die nötigen Gewinne abwerfen oder fehlerhaft sind. Seine beiden Kinder Jeremy (Adrian Hall) und Jemima (Heather Ripley) halten dennoch tapfer zu ihrem Vater. Als eines Tages die wohlgeborene Frau Truly (Sally Ann Howes) auf dem Gelände des Erfinders auftaucht, wittern die Kinder nicht nur eine Chance, ihren seit langer Zeit alleinstehenden Vater womöglich doch noch zu verheiraten... als auch den Kontakt zu nutzen, um den Erfinder womöglich in die Gewinnzone zu bringen. Das resultiert jedoch in einem Chaos.

Ich war völlig unwissend bezüglich dieses klassischen Familien-Musicals aus dem Jahr 1968 und dachte anhand des Titels und der Besetzung des Hauptdarstellers, dass es sich hier um eine überlange, völlig alberne Parodie handeln würde. Prinzipiell hatte ich damit auch gar nicht so unrecht, was ich zu Beginn aber nicht erkennen konnte. Denn während der ersten Stunde entwickelt sich dabei eine eigentlich einigermaßen bodenständige Geschichte, die mit viel Charme, Witz und Herz geschrieben wurde. Die Handlung rund um einen eigentlich ziemlich einsamen Erfinder, der plötzlich doch noch einer liebenswerten Frau begegnet, mag zwar kitschig sein, hält aber auch bei der Stange. Die Bilder sind sehr schön komponiert, einige (wenn auch nicht alle) der Musical-Einlagen sind schmissig geraten und Dick van Dyke ist in der Hauptrolle ganz wunderbar aufgelegt, tanzt, singt und albert herum, als hätte er den größten Spaß seines Lebens... und das überträgt sich schnell aufs Publikum.
Nach ungefähr einer Stunde nimmt der Film jedoch eine Kehrtwende und auf einmal wird klar, warum dieser bis dahin eigentlich recht gemütlich und sympathisch vor sich hintuckernde Streifen eigentlich so teuer war - so teuer, dass er an den Kinokassen aufgrund des Budgets ziemlich baden ging. Denn nun entwickelt sich aus der charmanten Liebesgeschichte mit ihren drollig-skurillen Einfällen auf einmal ein überbordendes Fantasy-Abenteuer... und der ganze Charme ist dahin. Aufwendige Sets und Bauten, prunkvolle Kostüme, immer wieder Action über Action, fabelhafte Welten und Orte - es gibt plötzlich sehr viel zu sehen, aber nur noch sehr wenig zu erzählen. In diesem sehr wilden Treiben wirkt plötzlich auch ein Dick van Dyke irgendwie verloren, da all die Spezialeffekte und übertriebenen Hetzjagden dem eigentlichen Spiel des Darstellers die Schau zu stehlen drohen. Einzig "James Bond"-Star Gert Fröbe agiert diesem Treiben gegenüber noch völlig angemessen und chargiert so überkandidelt, dass es eine wahre Freude ist.
Das hilft aber wenig, wenn der Film seine gesamte Handlung nach sechzig Minuten praktisch in die Tonne haut und mit etwas ganz anderem weitermacht, um das angestrebte junge Publikum plötzlich mit Piraten, Schlössern und heldenhaften Kindern zu blenden. Das wirkt dann wie ein reichlich zielloses Märchen auf einer Theaterbühne, ein roter Faden ist nur noch mit sehr viel Anstrengung zu erkennen und die Musical-Nummern verlieren ebenfalls ihren Reiz. Man fragt sich, woher diese plötzliche Kehrtwende denn kam, obwohl man zuvor einen nicht unbedingt großartigen, aber angenehm gewitzten und mit viel Liebe inszenierten Film vorweisen konnte. Offenbar war aber auch damals der Drang zum großen, aber nicht unbedingt sinnkräftigen Spektakel so enorm, dass man solcherlei lieber auf die lange Bank schob und das Publikum einfach nur mit Optik zu beeindrucken versuchte. Dieser Versuch scheiterte schon damals und er tut es auch heute noch - "Tschitti Tschitti Bäng Bäng" hat außer ein paar netten Songs letztendlich kaum noch etwas zu bieten und wird von seinen eigenen, viel zu hohen (oder auch zu niedrigen) Zielen förmlich erdrückt.

Fazit: Was als sehr charmante Familienkomödie mit schmissigen Musikeinlagen beginnt, wandelt sich später zu einer seelenlosen, handlungsarmen Ausstattungswut ohne Herz. Schade, dabei hatte dieses klassische Musical einen so guten Start.

Note: 4+



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Eraser

Arnold Schwarzenegger, wohl neben Sylvester Stallone die Action-Ikone der 80er und 90er Jahre schlechthin, ist endlich zurück. Nachdem er sein Amt als Gouverneur von Kalifornien niedergelegt hat, dürfen wir ihn seit einiger Zeit endlich wieder in genügend rauen, spaßigen Actionfilmen wiedersehen. Auch wenn in der heutigen Zeit ganz klar Statham, Diesel und Co. die Actionhelden sind, macht es aber dennoch Spaß, den "Terminator"-Star wiederzusehen. Und natürlich auch seine vergangenen Filme, von denen ich bislang kaum einen gesehen habe und die ich nun mal nachholen möchte. Angefangen habe ich nun mit "Eraser" aus dem Jahr 1996... ERASER US-Marshall John Kruger (Arnold Schwarzenegger) arbeitet in einer geheimen Vereinigung der USA im Zeugenschutzprogramm. Darin beschützt er die Leben von Kronzeugen, welche vor Gericht Aussagen tätigen sollen und verschafft ihnen eine neue Identität, um sie vor dem Tod zu bewahren. Sein neuester Job ist eine junge Mitarbeiterin bei...

Der große Crash - Margin Call

Es gehört schon einiges an Talent dazu, einen Film über eine Schar Anzugträger, die in dialoglastiger Manier das eventuelle, schockierende Ende ihrer Firma aufdecken. Wenn man es falsch angeht, könnte der Stoff arg trocken werden, mal ganz davon abgesehen, dass der Otto-Normal-Zuschauer mit den finanziellen Zusammenbrüchen und all den Zahlen nicht unbedingt umgehen kann. Eine Riege großer Stars kann da schon helfen, die Zuschauer anzulocken, so beweist es zumindest der angenehm ruhige Thriller "Margin Call"... DER GROSSE CRASH - MARGIN CALL Kurz vor der Finanzkrise 2007: In der Wertpapierhandelsabteilung einer großen New Yorker Bank werden etliche Mitarbeiter entlassen, unter ihnen ist auch Risikomanager Eric Dale (Stanley Tucci), der zuvor jedoch noch eine schockierende Entdeckung macht. Seine Arbeit hinterlässt er dem übriggebliebenen Mitarbeiter Peter Sullivan (Zachary Quinto), der die Zahlen überprüft... und dadurch entdeckt, dass der ganze Konzern auf wackligen Fü...

Denn zum Küssen sind sie da

Geschichten über Serienkiller erfreuen sich in der Filmlandschaft schon seit Ewigkeiten großer Beliebtheit und in diesen Bereichen sind schon einige Klassiker zustande gekommen. Wenn man "Psycho" oder "Das Schweigen der Lämmer" hinzuzieht, entstand dieser Klassikerstatus jedoch zumeist durch die Charikatur des Killers selbst, durch ein perfektes Spiel der psychologischen Differenzen. Dies fehlt "Denn zum Küssen sind sie da" aus dem Jahr 1997, denn dieser kann zwar eine recht spannende Hatz aufweisen, es fehlt ihm jedoch an Charme und an einem würdigen Gegenspieler. DENN ZUM KÜSSEN SIND SIE DA Alex Cross (Morgan Freeman) ist Polizeipsychologe und wird auf den Fall des Serienkillers "Casanova" aufmerksam, als seine Nichte Naomi (Tatyana Ali) verschwindet. Der Täter entführt seit einem großen Zeitraum junge Frauen und hält diese in einem bislang nicht gefundenen Untergrundsystem gefangen, wobei er schon drei von ihnen getötet und anschließend ih...