Seit zehn Jahren führen Ivy (Olivia Colman) und Theo Rose (Benedict Cumberbatch) eine Vorzeige-Ehe. Auch wenn sich beide nicht immer auf die korrekte Erziehung der beiden Sprösslinge einigen können, so unterstützen sie sich gegenseitig, wo es nur geht. Theo spricht seiner Frau Mut zu, als es um die Eröffnung eines eigenen Restaurants geht - ein Traum, den die Köchin damals aufgab, um sich um die Kinder zu kümmern. Doch dann erhält ihr gemeinsames Leben Risse, die durch eine Tragödie von außen zugefügt werden: Theo's Karriere endet in einem Desaster, während er zusehen muss, wie jene seiner Frau parallel regelrecht an Fahrt aufnimmt. Zuerst versucht Theo, seine Frau weiterhin zu unterstützen... doch mit der Zeit frisst der Ehrgeiz, der Neid und das Wissen darum, eklatante Fehler gemacht zu haben und nicht zugeben zu können, beide völlig auf.
Generell handelt es sich hierbei um ein Remake zu dem dreifach für einen Golden Globe nominierten Der Rosenkrieg aus dem Jahr 1989. Einen Aufschrei über Sinn und Unsinn eines Remakes, welches vordergründig ein Charakterdrama ist und nicht durch modernste Computereffekte zu neuem Leben erweckt werden kann wie Peter Jacksons King Kong waren diesmal allerdings nicht zu vernehmen - vielleicht, weil das Original doch nicht als riesiger Kultfilm gilt und das Team vor und hinter der Kamera durch die Bank weg hohe Erwartungen weckte. Ich habe das Original bis heute nicht gesehen (und offenbare damit eine weitere, große Lücke in meinem Filmwissen), möchte jedoch trotzdem wagen zu behaupten, dass die Bezeichnung Neuinterpretation hier doch besser passt als Neuverfilmung. Allein schon die Tatsache, dass der Film in unserer heutigen Zeit spielt, inklusive Smartphones, Laptops und neumodischste, technische Inneneinrichtungen sowie zeitgemäßer Konflikte rund um Ernährung oder offene Ehen, zeigt eigentlich von allein, dass hier nicht nur einfach modernisiert wurde, sondern auch im Kern diverse Dinge verändert wurden.
Einen Vergleich kann ich aber natürlich trotzdem nicht offiziell ziehen. Zu dem, was ich nun gesehen habe, kann ich aber fast nur Lob aussprechen. Dieses Lob gilt besonders den Autoren, die hier nicht ganz simpel den Weg des geringsten Widerstands gegangen sind, sondern sich tatsächlich viel Zeit nehmen, um den langsamen Verfall einer vorhergehenden Bilderbuch-Ehe äußerst nachvollziehbar zu zeichnen. Es vergeht sehr viel Zeit, bis es tatsächlich zu einem richtigen, handfesten Streit kommt... und dieser ist dann ebenfalls sehr glaubwürdig hergeleitet. Langsam, beinahe unangenehm schleichend sehen wir, wie sich die beiden Charaktere verändern, von äußeren Umständen nahezu dazu gezwungen, ihr Privatleben aus ganz neuen Augen zu sehen. Ob das rein tiefenpsychologisch nun wirklich Bestand hat, darüber darf man streiten, doch beinahe durchweg konnte ich beide Hauptfiguren selbst dann emotional völlig verstehen, wenn sie sich die widerlichsten Dinge an den Kopf warfen oder so egomanisch handelten, dass man absolut fassungslos war.
The Imitation Game-Star Benedict Cumberbatch und Oscarpreisträgerin agieren dabei sowohl als liebendes Ehepaar als auch als gnadenlose Streithähne ungemein überzeugend - miteinander und gegeneinander, einfühlsam und dann wieder sadistisch. Es tut im Herzen weh, wenn man sieht, wie diese zuvor so glaubwürdig agierenden Liebenden plötzlich voller Hass handeln, um ihr Gegenüber möglichst zu verletzen - von beiden Seiten eine absolut brillante Performance. Das Drehbuch ist dabei so gut austariert, dass sogar anfängliche Schwachpunkte im späteren Verlauf noch deutlich an Brisanz gewinnen und sich plötzlich zu echten Mini-Highlights mausern. So werden die Figuren von Andy Samberg und Kate McKinnon zu Beginn noch als arg bemühte, im Falle von McKinnon auch ziemlich penetrant-nervige Gag-Lieferanten eingeführt, die scheinbar auf der Checkliste für handelsübliche Komödien standen. So reibt man sich später verwundert die Augen, wenn beide den Figuren ein paar ziemlich ehrliche, aber auch nicht karikatureske Worte mit auf den Weg geben. Die größte Schwäche offenbart der Film letztendlich im finalen Showdown, der dann zwar genau das einlöst, was das Publikum erwartet, dabei aber auch gerade im Kontrast zu den wesentlich sensibler aufgebauten Ehe-Konflikten bisweilen arg übers Ziel hinausschießt... im wahrsten Sinne des Wortes.
Fazit: Einfühlsam und glaubhaft geschrieben, von Colman und Cumberbatch brillant gespielt und trotz einer Geschichte, die um das hasserfüllte Zerbrechen einer Ehe geht, voller Herz und Hirn. Ein Film, der in die Magengrube trifft und uns mehrfach schockt, dabei aber auch erstaunlich witzig... bis zu einem Finale, welches leider etwas zu cartoonig ist.
Note: 2
Kommentare
Kommentar veröffentlichen