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Hautnah

Dass Theaterstücke auch als Film funktionieren sollen klingt erst einmal wenig schlüssig. Unerfahrene Menschen, die bislang selten oder gar nie ein Theater besucht haben, werden diese Form des Schauspiels als lauter, vulominöser, aufdringlicher abtun. Dass jedoch auch darin, ebenso wie im Film, echte Geschichten erzählt werden, dass es eine andere, aber nichtsdestotrotz qualitativ ebenfalls beachtenswerte Unterhaltung ist, wollen und können viele nicht verstehen. "Hautnah" ist ein erfolgreiches Theaterstück und funktioniert auch als Film, einfach weil ein solches Kammerspiel zwischen vier Figuren auch filmisch wahre Funken sprüht.

HAUTNAH


Der erfolglose Schriftsteller Dan (Jude Law) macht sich an die professionelle Fotografin Anna (Julia Roberts) heran, die seinem Charme bald erliegt. Da sich Dan jedoch in einer Beziehung mit der jungen Lebefrau Alice (Natalie Portman) befindet, hat diese Liebschaft keinerlei Zukunft, obwohl sich Dan nach wie vor enorm zu Anna hingezogen fühlt. Anna lernt ihrerseits den Arzt Larry (Clive Owen) kennen, mit dem sie schon bald eine Beziehung eingeht. Doch diese Paarungskonstellationen sollen sich noch verschieben und dabei für allerlei psychische Wunden sorgen...

Allein schon ein beeindruckender Fakt: Bis auf einen Taxifahrer und einen Sicherheitsmann am Flughafen (beide gegen Ende des Filmes) gibt es sonst niemanden im ganzen Film, natürlich mit Ausnahme der vier Hauptdarsteller, die eine Textpassage haben oder gar im Abspann erwähnt werden. Hier merkt man sofort, dass die Vorlage von "Hautnah" aus dem Theater kommt, denn der Film ist ein wahres Kammerspiel, ein Kampf zwischen vier Personen ganz unterschiedlichen Ausmaßes, der ausschließlich mit Dialogen gefochten wird, mit Dialogen von solcher Gewalt und Ehrlichkeit, wie man sie wohl selten in der Welt des Kinos gesehen hat. 
"Hautnah" schafft es, ohne intime Szenen, ohne Sexszenen und (fast) ohne Nacktheit die Charaktere dennoch auszuziehen, einzig und allein mit Worten. Was hier in den fabelhaft geschriebenen Dialogen alles erzählt wird und wie durch diese Worte die Charaktere bloßgestellt und nicht nur erklärt, sondern schlichtweg auserzählt werden, das hat schon Klasse. Die Dialoge haben ungemeines Feuer und wirken wie die eines Quentin Tarantino, wenn er sich einmal einem Beziehungsdrama widmen würde. Und ein Drama ist es wirklich. Wer hier angesichts der namhaften Starbesetzung einen lockerleichten Liebesfilm erwartet, der dürfte sich schon früh umgucken, denn hier geht es (fast) einzig und allein um menschliche Abgründe, um das, was Menschen tun, um ihre Mitmenschen nicht zu verletzen... oder um es eben gezielt doch zu tun. 
Nicht eine Minute langweilig und mit einer ungeheuren Intensität, die weniger durch die Bildsprache als viel mehr durch die Dialoge und die grandiosen Schauspieler getragen wird, entsteht dabei ein Machtkampf, der es in sich hat. Bis kurz vor Schluss kann man nicht vorhersagen, für welche Paare oder einzelnen Menschen diese Geschichte noch gut ausgeht, wenn es denn, bei all den Betrügereien und Lügen, überhaupt ein Happy End geben kann. "Hautnah" ist ein deprimierender Film, der seine kleinen Hoffnungsschimmer nur spärlich aufzeigt und sie schließlich begräbt, ein Film, der aufzeigt, dass es wahre Liebe entweder nicht gibt oder man sie sich am Ende doch nur noch zerstört, indem man sich ihr ganz hergibt. Sicherlich kein Film fürs erste Date, auch wenn mancherlei Trailer da andere Bilder sprechen. 
Für die vier namhaften Schauspieler ist das natürlich exzellentes Futter und gerade Clive Owen als anfangs recht einseitiger Loser, später manipulativer Dreckssack, und die zuvor in einen Karrierestau geratene Natalie Portman spielen sich hier nahezu die Seele aus dem Leib und wurden dafür absolut zurecht mit Oscarnominierungen versehen. Jude Law und Julia Roberts agieren weitestgehend zurückhaltender, was jedoch zu ihren Rollenprofilen passt und auch sie können durch die wunderbaren Texte, die ihnen da in den Mund gelegt werden und mit denen sie grandios spielerisch umgehen, in etlichen Szenen punkten. 
Wenn man "Hautnah" etwas ankreiden möchte, dann vielleicht, dass sich die ganze Geschichte, die sich über vier Jahre erstreckt, eher anfühlt wie einige Monate. Die Zeitsprünge sind bisweilen enorm und es fühlt sich nicht an, als würden so viele Jahre vergehen... das hätte man besser lösen müssen. Auch wird manch eine intensive Szene etwas zu früh abgeschnitten und entfaltet dadurch nicht ihre ganze Emotionalität, während man bei wiederum anderen (man kann keine herausheben, dafür gibt es zu viele meisterhafte Szenen) wie gebannt vor dem Bildschirm sitzt und den Schauspielern fasziniert zusieht.
Fazit: Die Dialoge sind so feurig wie selten in dem Genre, die Schauspieler spielen sich durchgehend die Seele aus dem Leib. Ein düsteres, deprimierendes Dialogwerk, überraschend ehrlich und konsequent. Ein Schauspielerfilm, wie man ihn selten sieht.

Note: 2




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