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Viel zu viele Fässer: Filmkritik zu "Tief wie der Ozean"

Innerhalb weniger Minuten verschwindet der dreijährige Ben Cappadora während eines Klassentreffens seiner Mutter Beth (Michelle Pfeiffer) spurlos. Die direkt hinzugezogene Polizei kann den Jungen auch nach mehreren Stunden nicht ausfindig machen - die Ermittlungsarbeit zieht sich schließlich über Wochen hin, ohne dass Ben gefunden werden kann. Mit der Zeit möchte sich Beth mit dem Unvermeidlichen anfreunden, macht sich darüber hinaus jedoch schwere Vorwürfe, welche sie nie wieder loslassen. Neun Jahre später haben Beth, ihr Mann Pat (Treat Williams) und die beiden anderen Kinder Vincent (Jonathan Jackson) und Carrie (Alexa Vega) ein neues Leben begonnen... bis Beth glaubt, in dem Nachbarsjungen Sam Karras (Ryan Merriman) ihren verlorenen Sohn wiedererkannt zu haben.

Das größte Problem des Dramas "Tief wie der Ozean" ist, dass es unglaublich viele Fässer aufmacht. Und spannend sind sie alle, weswegen während der rund 105 Minuten Laufzeit keinerlei Langeweile aufkommt. Der Zuschauer wird förmlich bombardiert mit ambivalenten, recht klug und nachvollziehbar geschriebenen Figuren, überraschenden Wendungen und allerlei Zündstoff für bewegende Konflikte. Im Grunde hätte jeder einzelne dieser Plots (aus Spoiler-Gründen bleibe ich absichtlich etwas vage) das Potenzial für einen ganz eigenen Film gehabt und immer wieder ist das Geschehen auf dem Bildschirm aufgrund der menschlichen und gar unglaublichen Konflikte und Situationen gar ziemlich unangenehm. Von alledem bürgt sich "Tief wie der Ozean" aber natürlich auch viel zu viel auf: Er will jeder Figur mindestens ein Drama aufbürden und daneben noch einen Thriller erzählen, der unter dieser Last vollkommen untergeht. Letztendlich bleibt es ein Sammelsurium aus grandiosen Ideen, die schlichtweg kaum auserzählt werden können, da dafür viel zu wenig Zeit bleibt.
Und das ist mehr als nur schade. Der Plot rund um die Polizistin Candy Bliss (Whoopi Goldberg mit einer soliden Darstellung, die aber ebenfalls zu wenig Aufmerksamkeit erhält) und die Polizeiarbeit im Allgemeinen, die quasi über Jahre läuft, hätte das Zeug zu einem mordsspannenden Thriller gehabt, der irgendwo im Fahrwasser von Clint Eastwoods oscarprämiertem True-Story-Drama "Der fremde Sohn" geschwommen wäre. Nun werden die an und für sich ziemlich cleveren Wendungen, die in dieser Story erzählt werden, aber nur noch wie Punkte auf einer Checkliste behandelt, die dringend abgehakt werden müssen. Immer wieder gibt es große und kleine Überraschungen, auch auf menschlicher Ebene, doch rast der Film mit einem Tempo darüber hinweg, dass man kaum dazu kommt, diese auch wirklich zu fassen und emotional zu greifen. Vor allem in der zweiten Hälfte ist "Tief wie der Ozean" auf dem Papier ein Füllhorn von Gefühlen und moralischen Konflikten, die aber niemals wirklich zur Katharis kommen müssen, da sich gefühlt zehn Plots gleichzeitig balgen, bis der Großteil von ihnen eher sang- und klanglos untergeht.
An der reinen Inszenierung von Regisseur Ulu Grosbard lässt sich prinzipiell rein gar nichts aussetzen - nur der Soundtrack kommt arg kitschig daher. Auch der gesamte Cast verrichtet deutlich mehr als Dienst nach Vorschrift und versucht, diese schier übergroßen Konflikte irgendwie greifbar zu machen. Dementsprechend agiert Michelle Pfeiffer gewohnt großartig, während ihr Film-Ehemann Treat Williams ebenfalls ein paar ganz starke Szenen hat, obwohl er im direkten Vergleich deutlich zurückhaltender agiert. Und aufgrund dieser Leistungen sind wir vom Geschehen auch immer wieder gebannt: Der Film ist emotional, streckenweise sehr spannend und macht es seinem Publikum, trotz einiger rührseliger Entgleisungen, niemals ganz einfach. Trotzdem bleibt der Gedanke einer Story, die auf dem Papier absolut großartig geklungen haben muss und sogar nach Oscar-Stoff roch, die für eine solch kurze Laufzeit allerdings viel zu ausladend, zu schwer und unmöglich zu greifen ist. Als Serie würde sich ein Stoff wie dieser aber wahrscheinlich hervorragend machen, weswegen man durchaus die Frage stellen darf, ob das im Kern nicht etwas ist, dass sich Netflix, Amazon oder Sky demnächst mal auf die Fahne schreiben wollen.

Fazit: Was nach einem vielschichtigen, düsteren und überraschenden Drama klingt, ist letztendlich leider zu simpel und auch zu vollgestopft, um nachhaltig zu beeindrucken. Aufgrund etlicher Plots und Dramen kann keine Geschichte richtig zünden und man bleibt eher unterwältigt zurück, obwohl im Kern des Plots ein wahres Meisterwerk zu schlummern scheint.

Note: 3-





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